Auf dem Weg zur Kernfusion – Interview mit Dr. Jens Möller (Leiter Forschungsmanagement) und Anne-Katrin Leopold (Koordinatorin für SAXFUSION)
»Eine große gesellschaftliche Aufgabe ähnlich der Apollo-Mission«
Welche besondere Expertise bringt das Fraunhofer IWS in das große Menschheitsprojekt »Kernfusion« ein?
Dr. Jens Möller: In der Materialentwicklung, in fortgeschrittenen Beschichtungs- und Fertigungsverfahren wie etwa der additiven Fertigung sowie beim Transfer neuer Technologien in die Wirtschaft haben wir am Fraunhofer IWS über die Jahre hinweg viele Erfahrungen gesammelt, die wir in die Fusionsforschung einbringen. Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung und industrieller Umsetzung.
Was reizt Sie als Forscher und als Mensch, an diesem Vorhaben mitzumachen?
Anne-Katrin Leopold: Ich verbinde mit diesem Projekt eine technologische und gesellschaftliche Zukunftsvision, bei der Menschen aller Fachdisziplinen zusammenarbeiten. Das ist ähnlich wie die Apollo-Mission, bei der eine ganze Generation von Forschenden, Ingenieuren und letztlich auch die Gesellschaft als Ganzes von einem gemeinsamen Ziel getragen wurden. Abgesehen davon faszinieren mich auch die vielen materialwissenschaftlichen und fertigungstechnischen Aufgaben, vor denen wir stehen. Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam an den Lösungen arbeiten, ist mir ein besonderes Anliegen.
Dr. Jens Möller: Mich sprechen vor allem die ingenieurtechnischen Herausforderungen an, die mit dem Bau eines solchen Reaktors verbunden sind. Und ich möchte an den Lösungen der großen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit mitwirken. Dazu gehört, dafür Sorge zu tragen, dass uns und unseren Kindern sichere, ergiebige und nachhaltige Energiequellen zur Verfügung stehen.
Was sind nach Ihrer persönlichen Einschätzung die größten Herausforderungen für einen kommerziellen Fusionsreaktor?
Dr. Jens Möller: Die technischen Herausforderungen sind immens, insbesondere wenn es darum geht, einen Fusionsreaktor für den Grundlastbetrieb zu bauen. Von der grundsätzlichen Machbarkeitsdemonstration bis zum funktionierenden Reaktor sind viele technologische Disruptionen erforderlich.
Anne-Katrin Leopold: Hinzu kommt, dass es einen langen Atem und nachhaltige Kooperationen erfordert. Nur im internationalen Schulterschluss zwischen Politik, Wissenschaft und Wirtschaft kann ein solches Vorhaben gelingen.
»Als Gesellschaft befinden wir uns inmitten großer Transformationen. Dazu gehört die Erschließung neuer Energiequellen, und die Kernfusion kann ein Schlüsselfaktor sein. Als Fraunhofer IWS bringen wir uns in die großen ingenieurtechnischen Herausforderungen, die damit verbunden sind, mit unseren Kompetenzen ein.«
Mit SAXFUSION soll in Sachsen ein leistungsfähiges Netzwerk für Fusionstechnologien entstehen. Welche Rolle spielt das Projekt dabei, Kompetenzen aus Wissenschaft, Industrie und Politik zusammenzuführen?
Dr. Jens Möller: Die Fusionsforschung hat in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte erzielt. Vielen Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist das aber noch gar nicht bewusst. Dabei entstehen genau jetzt Chancen sich aktiv in die entstehende Fusionsökonomie einzubringen. Bis zum kommerziellen Fusionskraftwerk sind noch einige technische Fragen zu lösen – vom Tritiumkreislauf bis zum Aufbau industrieller Lieferketten.
Anne-Katrin Leopold: SAXFUSION macht technologische Entwicklungen und zukünftige Bedarfe sichtbar, bringt Nachwuchskräfte, Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammen und unterstützt die Entstehung gemeinsamer Entwicklungsprojekte. Gleichzeitig verstehen wir uns als Ansprechpartner für die Politik, um die Kompetenzen und Interessen der sächsischen Akteure in die weitere Entwicklung der Fusionswirtschaft einzubringen. Unser Ziel ist es, dass Unternehmen frühzeitig erkennen, wo sie mit ihren Technologien und ihrem Know-how einen Beitrag leisten können – und welche neuen Geschäftsmöglichkeiten sich daraus ergeben.
SAXFUSION verfolgt das Ziel, Sachsen als wichtigen Standort für Fusionstechnologien zu etablieren. Welche Chancen ergeben sich daraus für die regionale Wirtschaft und den Innovationsstandort Sachsen?
Anne-Katrin Leopold: Mit der Halbleiterindustrie, einem starken Maschinen- und Anlagenbau sowie einer leistungsfähigen Forschungslandschaft verfügt Sachsen über umfassende Erfahrungen in der Entwicklung und industriellen Umsetzung anspruchsvoller Technologien. Gleichzeitig befindet sich unsere Wirtschaft im Wandel. Kompetenzen und Fertigungskapazitäten, beispielsweise aus der Automobilindustrie, können künftig auch für Fusionstechnologien interessant werden.
Hier eröffnen sich neue Perspektiven für Unternehmen und Fachkräfte. Wir möchten dazu beitragen, dass sächsische Unternehmen diese Chancen frühzeitig nutzen und sich langfristig als Technologiepartner und Zulieferer etablieren. Wer sich heute vernetzt und Kompetenzen einbringt, kann die Wertschöpfungsketten von morgen aktiv mitgestalten.
Welche konkreten Beiträge kann SAXFUSION leisten, um den Transfer von Forschungsergebnissen in industrielle Anwendungen und zukünftige Fusionskraftwerke zu beschleunigen?
Dr. Jens Möller: Wir gehen aktiv auf Unternehmen und Forschungseinrichtungen zu, lernen ihre Kompetenzen kennen und prüfen gemeinsam, wo sich Anknüpfungspunkte zur Fusionswirtschaft ergeben. Dabei geht es nicht nur um Unternehmen, die sich bereits mit Kernfusion beschäftigen. Auch Technologien aus anderen Branchen können für zukünftige Fusionskraftwerke von großer Bedeutung sein. Dieses Wissen bringen wir in den Austausch mit nationalen und internationalen Fusionsinitiativen ein. Wir vermitteln Kontakte und identifizieren passende Kooperationspartner.
Woran würden Sie in fünf oder zehn Jahren erkennen, dass SAXFUSION erfolgreich war?
Anne-Katrin Leopold: Besonders freuen würde es mich, wenn Unternehmen, die heute noch keinen Bezug zur Kernfusion sehen, in einigen Jahren sagen: Durch SAXFUSION haben wir ein neues Geschäftsfeld erschlossen. Dann hätten wir nicht nur ein Netzwerk aufgebaut, sondern einen nachhaltigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung Sachsens geleistet.
Was sind die nächsten wichtigen Schritte?
Anne-Katrin Leopold: Uns ist wichtig, dass junge Menschen die Kernfusion nicht nur als faszinierende wissenschaftliche Herausforderung kennenlernen, sondern auch als berufliche Perspektive. Deshalb möchten wir unsere Angebote für Studierende, Nachwuchsforschende und junge Fachkräfte weiterentwickeln und ihnen frühzeitig den Zugang zu Unternehmen, Forschungseinrichtungen und konkreten Projekten ermöglichen.
Zum Hintergrund: Beide Interviewpartner haben Werkstoffwissenschaft an der TU Dresden studiert und gestalten heute die Vernetzung der Fusionstechnologie am Fraunhofer IWS. Zu ihren Aufgaben zählen die Koordination von Fusionstechnologie-Projekten, die Zusammenarbeit mit anderen Fraunhofer-Instituten sowie die Kooperation mit externen Partnern im Netzwerk »SAXFUSION«.
Förderhinweis
Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landestag beschlossenen Haushaltes (Förderkennzeichen 100734417).